Bilderbuchdemokratie

Die Medienberichterstattung zum Absturz des Flugs 4U9525 der Germanwings bringt einige Kuriositäten der Funktionsweise unserer Medienlandschaft zum Vorschein, legt aber auch einige Funktionsmechanismen unseres gesellschaftlichen und politischen Systems offen. Hier möchte ich insbesondere auf ein Phänomen eingehen, das die Dynamik der Handlungsweisen der höchsten Entscheidungsträger hinterfragt.

Zum Flug 4U9525 ist bereits alles gesagt und mehrfach wiederholt. Airbus 320 mit 150 Menschen an Bord  ist auf seinem Flug von Barcelona nach Düsseldorf im schwer zugänglichen Terrain der französischen Alpen abgestürzt. Alle Passagiere und Crew sind offenbar tot.

Just nach diesem Ereignis hatte die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel verständlicher Weise alle Termine abgesagt und sich nur diesem Thema gewidmet, denn es geht hier nicht nur um ein Flugzeug einer deutschen Fluggesellschaft, vielmehr es sind deutsche Staatsbürger in dieser Katastrophe ums Leben gekommen. Es ist selbstverständlich Ihre Aufgabe sich darüber zu informieren und alle ihren Kompetenzen entsprechenden Schritte zu unternehmen die zur Aufklärung der Absturzes führen, aber auch, zum Beispiel, eventuelle Gefährdung durch militärische oder terroristische Angriffe zu überprüfen. So weit so gut.

Am Tag nach der Katastrophe hat sich Bundeskanzlerin gemeinsam mit der nordrhein-westfälischen Ministerpräsidentin Hannelore Kraft auf den Weg zum Absturzort gemacht. Es wurde medial aufbereitet und die Bundesregierung hatte auch auf Ihrer Facebook-Seite ein Foto der Bundeskanzlerin, der Ministerpräsidentin NRW und des französischen Präsidenten Francois Hollande veröffentlicht wie sie sich in einem Flugzeug auf den Weg zum Unglücksort gemacht haben. Da fragte ich mich, warum? Was können diese politischen Entscheidungsträger vor Ort ausrichten, wem können Sie vor Ort helfen, inwiefern zeigt es Ihre Anteilnahme, wenn sie vor Ort sind, inwiefern könnte das Opfern helfen etc. Dabei geht es mir tatsächlich nicht um ein plumpes Politikerbashing oder Anprangern der Verschwendung der Steuergelder oder Ähnliches. Es geht mir einerseits darum, zu verstehen wie solche Entscheidungen getroffen werden und andererseits, was passiert, wenn man nicht vor Ort fährt. Inwiefern könnte das Einfluss auf unser politisches System haben. Von pseudodemokratischen Systemen sind wir Bilder gewohnt, auf welchen sich die Entscheidungsträger unentwegt zeigen, vor Allem jedoch solche Katastrophen nutzen um sich zu präsentieren. Um Russlands Präsidenten Putin gibt es schon längst einen Kult, aber auch beispielsweise Serbiens Aleksander Vucic zeigte sich bei den Schneesturm- und Flutkatastrophen gerne vor Ort, um sich ein Bild der Lage zu machen und Anteilnahme zu zeigen.

Denn genau das war, was die Redaktion der Facebook Seite der Bundesregierung auf User-Kommentare antwortete, es geht darum sich ein Bild über die Lage vor Ort zu machen und Anteilnahme zu zeigen.

Die Bundeskanzlerin musste also vor Ort um sich ein Bild der Lage zu machen? Sich einen Überblick zu verschaffen? In einem Gebiet der für Bergungskräfte beinahe unzugänglich ist?
Vertraut sie den vielen vielen Menschen nicht, die damit beauftragt sind, die dafür verantwortlich sind, dass die Lage vor Ort gesichert wird, dass die Opfer geborgen werden, dass die Ursache des Absturzes aufgeklärt wird?
Dann haben wir entweder ein ungesundes Misstrauen seitens der mächtigsten Frau im Land, oder arge Probleme mit den Institutionen des Systems. Oder ist es etwas Drittes? Wir kommen darauf zurück.

Anteilnahme zeigen vor Ort? Wem gegenüber, die Opfer sind doch schon alle tot? Durchhalteparolen wie bei Naturkatastrophen mögen ja sogar sinnvoll sein, aber hier nicht.
Wenn es Menschen gibt die auf ein warmes Wort des Zuspruchs der Kanzlerin hoffen, dann sind es diese die am Düsseldorfer Flughafen auf Angehörige gewartet haben. Anteilnahme zeigt man doch am Besten in Herten, diesem Ort in Schockstarre, der eine ganze Schulklasse mit Lehrerinnen verloren hat. Von vor Ort kann man das nicht.

Worum geht es dann? Manche sagen, es gehe um Selbstinszenierung. Ich meine, dass das ein viel zu starker Vorwurf ist, denn Selbstinszenierung setze fast voraus, dass Politiker darauf aus sind sich bei solchen Ereignissen im besten Licht zu präsentieren. Das würde fast bedeuten, sie sehnen solche Ereignisse herbei, denn sie führen zu besseren Umfrageergebnissen. Hier ist man ganz schnell in der Verschwörungstheorie und wirft den Mächtigen vor, solche Ereignisse und Bilder zu produzieren, was selbstverständlich Unfug ist.

Die Frage steht aber immer noch, warum tun sie es? Meiner Meinung nach, kommt hierbei eine eigene Dynamik in Gang, die bei den Entscheidungsträger und ihren Teams eine mindere Panik auslöst und, möglicherweise sogar unbewusst, eine gewisse Ratlosigkeit provoziert. Wahrscheinlich sind diese Prozesse bei allen Menschen ähnlich, jeder der einen Angehörigen verloren hat, weiß, dass man sich in der Trauer zunächst ratlos fragt, “was mache ich jetzt?” und die wenigsten dabei den kühlen Kopf bewahren. Natürlich ist in diesem Moment eine Bundeskanzlerin nicht mit einem Angehörigen zu vergleichen, der echten persönlichen Verlust bewältigen muss. Hier kommt ein Fehler des politischen Systems zum Vorschein, denn wir alle vermitteln über die Öffentlichkeit die Erwartung, dass sich die Chefin im Lande, wie eine Mutter aufzuführen habe. Und jede gute Mutter zeigt sich betroffen, unternimmt alles Mögliche um den Verlust zu begreifen und zu bewältigen. In diesem Fall, macht sie sich auf den Weg zum Unglücksort.

Selbstverständlich geht jeder von uns mit solchen Katastrophen anders um, viele von uns empfinden Trauer über solche Ereignisse, aber ganz wenige, wahrscheinlich nur die Angehörigen selbst und selbst diese nicht alle, verspüren den Wunsch vor Ort zu gehen um sich ein Bild der Lage zu machen. Eine Bundeskanzlerin regiert aber immer gleich, denn offensichtlich wird sie von dieser unserer Erwartung getrieben. Versucht einigen Abstand zum Ereignis und kühlen Kopf zu bewahren, muss sie sich darüber im Klaren sein, dass ein Besuch des Unglückortes nichts zur Aufklärung des Absturzes beiträgt. Wenn die Angehörigen der Opfer im später darüber nachdenken, werden sie feststellen, dass der Besuch der Kanzlerin am Ort des Unglückes, sofern sie diesen überhaupt vernommen haben, nichts zur Bewältigung Ihrer Krise beigetragen hatte. Den Bergungsdiensten vor Ort ist es ohnehin klar, dass die Politiker vor Ort nicht helfen können.

Es bleibt mir nur noch zu wünschen eine Bundeskanzlerin zu bekommen die nicht von Erwartungen der Öffentlichkeit getrieben wird, sondern die Verantwortung für die Aufgaben übernimmt die ihr unsere Verfassung vorschreibt, eine Medienlandschaft zu bekommen die einen Nichtbesuch des Unglücksortes einer Bundeskanzlerin nicht als Herzlosigkeit  oder Desinteresse auslegt und einen Wähler der nicht von den Bildern und Emotionen, sondern von aufgeklärten politischen Inhalten geleitet wird.

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